Interview mit Lutz Kessels: „Wir bauen einen neuen Kiez“

Ein Interview der Koalition für Holzbau mit Lutz Keßels, Geschäftsführer der Quartier am Humboldthain GmbH, über nachhaltige Quartiersentwicklung, kooperative Prozesse und die Rolle innovativer Bauweisen in der Stadt.

 

Sie entwickeln mit dem QUARTIER AM HUMBOLDTHAIN ein neues Stadtquartier mitten in Berlin. Was ist der zentrale Anspruch dieses Projekts?

Mit dem Quartier am Humboldthain betreten wir in gewisser Weise städtebauliches Neuland. Klar, wir entwickeln ein Quartier, das in Bezug auf Nachhaltigkeit, Nutzungsmischung und städtebauliche Qualität Maßstäbe setzt – das sagen viele Projektentwickler, und das mag sogar häufig stimmen. Was das QAH unterscheidet, ist, dass wir dieses Quartier nicht in einem Neubaugebiet bauen, sondern mitten in der Stadt. Und das kommt bei den Ausmaßen und Qualitäten wirklich sehr selten vor. Bestand und Neubau, Denkmal und Zentralität sind hier schon besonders.

Bei dem notwendigen Rückbau der ehemaligen Großrechner-Fabrik von Nixdorf gehen Sie dabei einen ungewöhnlich differenzierten Weg.

Der Rückbau ist für uns ein integraler Bestandteil der Projektentwicklung. Wir setzen, wo immer es geht, auf Re-Use statt auf Recycling. Das bedeutet: Wir reißen die vorhandene Struktur nicht einfach ab, sondern zerlegen sie systematisch in ihre Bestandteile, sortieren die Materialien und führen sie, soweit möglich, wieder in den Wertstoffkreislauf zurück. Das erfordert eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie und verändert auch die Perspektive auf das, was wir als Ressource verstehen.

Nachhaltigkeit beginnt demnach schon vor dem eigentlichen Bauen.

Beim Quartier am Humboldthain wird das tatsächlich von Beginn an als Teil des Prozesses berücksichtigt. Der Siegerentwurf des städtebaulichen Wettbewerbes von COBE Architekten aus Kopenhagen war dafür eine perfekte Basis. Schon im Bebauungsplan haben wir großen Wert darauf gelegt, Themen wie Stadtklima, Entsiegelung und Wasserhaushalt mitzudenken. Das Konzept der Schwammstadt war dabei ein wichtiger Baustein, ebenso wie Gründächer, Freiräume und ein zentraler Quartierspark. Diese Aspekte prägen den Städtebau von Anfang an.

Das Quartier ist in einem vergleichsweise kurzen Zeitraum planungsrechtlich umgesetzt worden. Das hat einiges Aufsehen erregt.

Der entscheidende Faktor war der kooperative Ansatz. Wir sind sehr früh in den Dialog mit dem Bezirk, mit dem Land Berlin, mit Anwohnern und weiteren Stakeholdern gegangen, zu einem Zeitpunkt, als es noch keinen fertigen Entwurf gab. Wir haben dann auch nicht eine Lösung präsentiert, sondern zunächst gefragt, welche Erwartungen und Bedürfnisse es gibt. Diese Offenheit hat den Prozess beschleunigt, weil sie Vertrauen geschaffen und Konflikte früh adressiert hat oder gar nicht erst hat entstehen lassen.

Das klingt nach einem bewussten Gegenentwurf zur klassischen Projektentwicklung.

Wir sind überzeugt, dass große innerstädtische Projekte heute nur im Dialog funktionieren. Wenn man versucht, ein Projekt ausschließlich aus der eigenen Perspektive heraus zu entwickeln, wird es schwierig. Der kooperative Prozess kostet am Anfang vielleicht mehr Zeit, zahlt sich aber im weiteren Verlauf aus, das haben wir beim Bebauungsplan am Humboldthain erlebt, und ich würde das auf jeden Fall wieder so machen.

Sie denken das Quartier nicht nur funktional, sondern auch sozialräumlich. Sie sprechen von einem „Kiez“.

Für uns und die Stadt ist entscheidend, dass hier ein lebendiger Ort entsteht. Wir entwickeln ein Umfeld, in dem Menschen arbeiten, sich versorgen, sich begegnen und ihren Alltag organisieren können. Dazu gehören Gastronomie, Freizeitangebote, kulturelle Nutzungen und soziale Infrastruktur genauso wie klassische Arbeitsplätze. Unser Ziel ist es, einen neuen Kiez zu schaffen, ganz konkret als funktionierendes und integriertes Stück Stadt.

Welche Rolle spielen dabei innovative Bauweisen, etwa der Holzbau?

Wir sollten uns als Gesellschaft eine Frage stellen: Wollen wir die Nachhaltigkeitsziele auch im Neubau erreichen? Wenn ja, dann sind Holzbau und hybride Ansätze dafür essenziell, insbesondere mit Blick auf CO₂-Bilanz und Ressourceneffizienz. Das bedeutet aber nicht, dass wir materialdogmatisch vorgehen, sondern vielmehr lösungsorientiert und technologieoffen. Entscheidend ist doch, dass die gewählten Bauweisen die Anforderungen des Projekts bestmöglich erfüllen.

Das Quartier am Humboldthain ist Partner der KOALITION für HOLZBAU geworden. Was sind Ihre Erwartungen?

Den Ausschlag gab in erster Linie der Netzwerkgedanke. Die KOALITION für HOLZBAU schafft Sichtbarkeit und bringt Akteure zusammen, die sich mit innovativem Bauen beschäftigen, von der Planung über die Ausführung bis hin zur politischen Ebene. Das ist für ein Projekt unserer Größenordnung sehr wertvoll, weil viele Fragestellungen zu Nachhaltigkeit, seriellen Ansätzen und neuen Bauweisen nur im Zusammenspiel unterschiedlicher Perspektiven sinnvoll gelöst werden können. Wir möchten das vorhandene Netzwerk nutzen, um uns intensiv auszutauschen und gleichzeitig unsere Erfahrungen aus einem großen innerstädtischen Projekt einzubringen.